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Web-Artikel aus dem ZEPPELIN POST JOURNAL

Ein Artikel einer jeden Ausgabe des ZEPPELIN POST JOURNAL wird als Web-Artikel nicht nur im ZEPPELIN POST JOURNAL abgedruckt, sondern zusätzlich auch im Internet unter www.eZEP.de veröffentlicht.

Dieser Artikel erschien in der Winter2011 Ausgabe des ZEPPELIN POST JOURNAL .

Der Artikel ist zudem als pdf-Datei erhältlich .


 

 


Dr. Jürgen Eichler berichtet
Die früheste Fotoansichtskarte von Bord eines Zeppelin


 

Die vorliegende Ansichtskarte, die ich mit anderen Zeppelin-Karten vor einigen Monaten erworben hatte, wirkte unscheinbar und fiel nicht weiter auf. Eine Luftschiffaufnahme des Rheinfalls von Schaffhausen - mein Gott, wie viele mag es davon geben? Erst Wochen später nahm ich die Karte genauer unter die Lupe und, was ich da sah, war ziemlich beeindruckend.


Rheinfall, Aufnahme vom Luftschiff 29.VI.08, L. Dürr.


 

Bildseitig zeigte die Fotokarte den klaren Eindruck «Rheinfall Aufnahme v. Luftschiff 29. VI. 08 L. Dürr» . Bei dem Signum L. Dürr konnte es sich doch nur um Oberingenieur Ludwig Dürr handeln. Nach genauerer Betrachtung der Textseite war die Überraschung komplett. Vor mir lag eine von Ludwig Dürr eigenhändig am 30. Juli 1908 geschriebene Ansichtskarte an einen Pfarrer E. Rieger in Bräunisheim bei Amstetten, in der er sich für einen Brief und Glückwünsche bedankt. Nun noch rasch meinen umfangreichen Fundus zur Geschichte der Luftschifffahrt durchforstet und dann stand für mich fest, dies ist tatsächlich die Unterschrift von Ludwig Dürr.

Die Kenner der Materie wissen, dass Ludwig Dürr einer der engsten Mitarbeiter des Grafen Zeppelin, ja, wenn man es so will seine «rechte Hand» war. Bereits im Januar 1899 war er in das Stuttgarter Konstrukteurs-Büro des Grafen Zeppelin aufgenommen worden um dann nach Absolvierung des letzten Semesters und erfolgreicher Abschlussprüfung seines Maschinenbau-Studiums Ende 1899 seine Tätigkeit für Graf Zeppelin nunmehr in Friedrichshafen fortzusetzen. Dort konnte er bei der Montage des ersten Luftschiffes LZ-1, welche unter Leitung von Ingenieur Kübler stand, wichtige Erfahrungen sammeln. Nach dem Ausscheiden Küblers übernahm Dürr als Chefkonstrukteur die Verantwortung für die technische Entwicklung und den Bau aller weiteren Zeppelin-Luftschiffe. Als Technischer Direktor spielte er eine bedeutende Rolle im Luftschiffbau Zeppelin, von ihm stammen zahlreiche Erfindungen und Neuerungen. Bekannt geworden als Fachbuchautor ist er vor allem durch seine 1924 beim V.D.I.- Verlag, Berlin erschienene Abhandlung 25 Jahre Zeppelin-Luftschiffbau.

Aber Ludwig Dürr war nicht nur der Mann am Reißbrett und der Verantwortliche für die Fertigung der Luftschiffe, er war auch an der praktischen Seite der Luftschifffahrt äußerst interessiert. Bei zahlreichen Zeppelinfahrten der Vorkriegszeit bediente er das Höhensteuer oder wurde von Graf Zeppelin als Führer von Zeppelinen eingesetzt, dies gab ihm die Möglichkeit, seine Konstruktionen in der Praxis zu erproben und Rückschlüsse für technische Verbesserungen zu ziehen. Mit Fug und Recht lässt sich sagen, Ludwig Dürr schrieb Luftfahrtgeschichte!


Ludwig Dürr, Postkarte vom 30. Juli 1908.


 

Und nun eine private Ansichtskarte von diesem berühmten Luftfahrtpionier mit seiner vollen Unterschrift aus der Frühzeit der Zeppelingeschichte, das scheint selten zu sein, womöglich eine Rarität, zumal Dürr durch Zeitzeugen als bescheiden und eher zurückhaltend beschrieben wird, der zumindest in den Anfangsjahren nicht durch besondere Schreibfreudigkeit hervortrat. Übrigens ganz im Gegensatz zu seinem Chef, dem Grafen Zeppelin, von dem ja viele Belege mit seinem Namenszug existieren, die natürlich unter Sammlern heiß begehrt sind.

So weit so gut - aber was hat es nun mit der Fotoaufnahme vom Rheinfall von Schaffhausen auf sich? Der Eindruck «Rheinfall Aufnahme v. Luftschiff 29. VI. 08» kann nicht stimmen, an diesem Tag erhob sich LZ-4 zwar zu einer Probefahrt, die das Luftschiff über den Bodensee nach Romanshorn, Immenstaad und Konstanz führte, von dort aber waren es noch fast 50 Kilometer bis zum Rheinfall von Schaffhausen. Diesen überquerte Graf Zeppelin mit seinem vierten Luftschiff erst zwei Tage später, nämlich am 1. Juli im Verlauf der großen Schweizer Fahrt. Bei beiden Fahrten stand Ludwig Dürr wieder am Höhensteuer. An Bord befand sich während der Dauerfahrt über der Schweiz auch Professor Dr. Hergesell, der bei dieser Gelegenheit zahlreiche Luftbildaufnahmen aus dem Zeppelin machte, ob auch vom Rheinfall, ist mir nicht bekannt. Später veröffentlichte er einige davon in einer kleinen, reich illustrierten Broschüre, die er gemeinsam mit Dr. Hugo Eckener und Freiherr von Bassus herausgab. Diese Schrift beschäftigt sich mit den Fahrten des Zeppelin-Luftschiffs LZ-4 bis zu dessen Vernichtung bei Echterdingen.[1]

Auf der Seite 12 dieser Broschüre ist eine Luftschiffaufnahme des Rheinfalls von Schaffhausen zu sehen, signiert von Baron v. Bassus. Dieser führte zwar das Luftschiff LZ-4 während der Probefahrt am 29. Juni, war aber bei der Schweizer Fahrt am 1. Juli nicht an Bord.[2] Die 5. und 6. Probefahrt des LZ-4 am 3. bzw. 14. Juli beschränkten sich auf das Gebiet des Bodensees, während der Aufstieg am 15. Juli aufgrund einer Kollision mit der Ballonhalle abgebrochen werden musste. Erst im Verlaufe der 24 Stunden-Dauerfahrt, die in der Frühe des 4. August 1908 begann und bekanntlich in der Katastrophe von Echterdingen am 5. August endete, überfuhr LZ-4 ein zweites Mal den Rheinfall.[3] Während dieser Fahrt betätigte sich Freiherr von Bassus als Fotograf, offensichtlich stammt auch oben genannte Aufnahme des Rheinfalls von Schaffhausen von der Fahrt am 4./5. August 1908.[4]


Der Rheinfall bei Schaffhausen vom Ballon aus aufgenommen.


 

Welche Schlussfolgerungen lassen sich aus dem Ganzen ziehen? Zum einen, dass wahrscheinlich Ludwig Dürr im Trubel der Ereignisse jener Wochen, wo es vor allem um die Vorbereitung und erfolgreiche Durchführung der 24 Stunden-Fahrt mit dem LZ-4 ging, schlicht und einfach das Datum auf seiner Fotoansichtskarte verwechselt hat. Zum anderen kann die Aufnahme des Rheinfalls von Schaffhausen auf der Karte L. Dürrs nur von der Fahrt am 1. Juli stammen. Die Ansichtskarte ist ja bereits vor der Echterdinger Fahrt, am 30. Juli mit der Post versandt worden. Außerdem wurde der Rheinfall aus einer deutlich größeren Höhe fotografiert, als es bei der Fotografie des Freiherrn von Bassus der Fall ist.

Ob Ludwig Dürr selbst den Rheinfall bei der Überfahrt aufgenommen hat, darf bei seiner wichtigen Funktion als Höhensteuermann bezweifelt werden. Möglicherweise stammt das Foto doch vom Geheimrat Dr. Hergesell oder einem anderen Besatzungsmitglied, wir werden es wohl kaum erfahren. Denkbar ist, dass Ludwig Dürr Fotos und Negative von dieser Fahrt leihweise zur Verfügung gestellt bekam. Er selbst oder ein professioneller Fotograf werden dann die vorliegende Fotoansichtskarte hergestellt haben.

Weshalb dieser längere Exkurs? Nun, es könnte sich um die erste Zeppelin-Ansichtskarte mit einer aus dem Luftschiff gemachten Fotografie handeln - und das wäre sowohl für die Geschichte der Luftschifffahrt als auch für die Geschichte der Fotografie bedeutsam. Insofern ist die vorliegende Ansichtskarte von Ludwig Dürr in doppelter Hinsicht eine Rarität. Meines Wissens existieren keine früheren Fotoansichtskarten von Bord eines Zeppelin-Luftschiffs aus, über anderslautende Meldungen wäre der Verfasser dankbar.


 

 
Anmerkungen:

[1] Graf Zeppelins Fernfahrten Schilderungen in Wort und Bild von Geheimen Regierungsrat Professor Dr. Hergesell Baron C. von Bassus und Dr. Hugo Eckener, offizielles Album aus dem Lager des Grafen mit Originalaufnahmen der Mitfahrenden, Graphische Kunstanstalt E. Schreiber G.M.B.H. Stuttgart (im Folgenden: Graf Zeppelins Fernfahrten)

[2] Lutz Tittel, Die Fahrten des LZ-4 1908, Friedrichshafen 1983, Seite 18 ff.

[3] Ibid., Seite 22 ff.

[4] Graf Zeppelins Fernfahrten, Seite 12 und Seite 22 ff.
 


 

 


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